05.02.2017 – Welcome to the family

‚Welcome to the family‘ – Meine „Familie“ begrüßt meine Familie

Es sind bereits fast 2 Monat vergangen seit meinem letzten Beitrag. Allerdings kamen mir diese 8 Wochen eher wie 8 Stunden vor. Ehrlich gesagt hab ich das Gefühl, dass die Tage hier deutlich schneller vergehen als in Deutschland und das, obwohl ich öfters mal 10 Stunden oder mehr arbeite. Ich habe gerade sehr viel Spaß an meiner Arbeit. Egal, ob das jetzt der Deutschunterricht, das Fußballtraining oder das Schreiben von Zeitungsberichten ist – alles vergeht wie im Flug.

Ein weiterer Bestandteil vom Dezember ist wie jedes Jahr üblich, Weihnachten und Neujahr. Ich hatte das Glück, dass mein Vater, meine Stiefmutter und meine Stiefschwester mich besuchen kamen. Wir verbrachten den Urlaub nicht in Bacolod, sondern auf Cebu, einer Nachbarinsel von Negros. Also hieß es für mich am 23.12 ins Flugzeug zu steigen und 40 Minuten zu fliegen. Davon waren etwa ganze 2 Minuten auf der eigentlichen Flughöhe.

Wir verbrachten unseren Urlaub in einem Anwesen, welche von einem Briten geführt wurde. Für mich wirkte es wie wenn die Zeit zurück in das Jahr 1700 gedreht wurde und wir in einem Anwesen eines Kolonisten Urlaub gemacht hätten. Ein Anwesen, natürlich im gebaut im Kolonialstil in mitten von einfacher Fischerhütten – getrennt durch eine Steinmauer.

Unter „Herrschaft“ von Sir Ian geht in der Enklave alles mit Zucht und Ordnung von Statten. Bedient wird man von philippinischen Frauen, welche eine sehr unterwürfige Art haben und sich sehr fürsorglich um die Gäste kümmern. Eine Zeit lang dachte ich, dass ich im falschen Film wäre.

Ich habe lange darüber nachgedacht, da mich das Thema sehr beschäftigt hat. Außerdem gibt sehr viele Europäer oder Amerikaner, welche eine (meist jüngere) Filipina heiraten, um somit in den Philippinen residieren zu dürfen. Einerseits ein ekelhafter Gedanke, wenn man diese Senioren mit einer Mittzwanziger oder gar jüngeren Filipina sieht, andererseits profitieren beide Seiten davon. Nur finde ich persönlich es schade, wenn eine Beziehung zu einem „Profitgeschäft“ wird, aber schließlich muss das ja jeder selbst entscheiden. Und ich will damit nicht sagen, dass Ian, der Besitzer, auch einer von diesem Schlag ist, allerdings fand ich bei ihm schade, dass er nahezu kaum Kontakt zu den Einheimischen hatte. Mich persönlich macht es ein bisschen traurig, wenn ich das ganze mit meinen bisherigen Erfahrungen und Eindrücken auf den Philippinen vergleiche.  Da wurde mir doch wieder klar, dass das alles nicht ganz gerecht abläuft. Aber klar, was ist schon gerecht? Ich weiß, das klingt jetzt alles sehr negativ, aber natürlich weiß ich auch, dass man es nicht von heute auf morgen ändern kann. Manchmal muss man einfach Tatsache hinnehmen und sich selbst damit abfinden.

Nichts desto trotz habe ich die Zeit mit meiner Familie mehr als genossen. Nicht nur das nächtliche Testen der geschenkt bekommenen Schnorchel im Pool an Weihnachten, sondern auch der gemeinsame Start ins Jahr 2017 werden mir gut in Erinnerung bleiben. Außerdem machten wir viele spannende Ausflüge. So haben wir zum Beispiel eine Wanderung zu einem Wasserfall gemacht, bei welchem wir uns von der immensen Kraft des herunterströmenden Wassers nach unter Wasser  drücken ließen. Auch wenn ich nie der Mensch war, der gerne im Freibad vom Sprungturm gesprungen ist, habe ich mir ebenfalls den Sprung von dem etwa 5 Meter hohen Wasserfall nicht entgehen lassen. Außerdem machten wir einen Tages-Trip auf die Insel Bantayan, welche für seine traumhaften Strände bekannt ist.

Mein persönliches Highlight war, dass ich die Möglichkeit hatte meiner Familie meine Kalipay-‚Familie‘ zeigen zu können. Mit dem Lied „Welcome to the family“ wurde meine Familie herzlich von den Kindern singend begrüßt. Es ist einfach unbeschreiblich schön zu sehen, wie sehr die Kinder die Präsenz von meinen Eltern geschätzt haben. Außerdem war es einfach wirklich schön zu sehen, wie begeistert meine Familie von Kalipay und den Kindern war. Leider hatten wir einen sehr knappen Zeitplan und mussten schon nach 2 Tagen Kalipay wieder verlassen. Als kleine Überraschung haben wir jedem Kind noch 2 Kugeln Eis spendiert. Worüber sie sich natürlich sehr gefreut haben, da es für sie nicht gerade alltäglich ist. Vor allem aber habe ich von manchen Kindern gezeigt bekommen, dass ich ihnen wichtig bin und ihnen sehr gefehlt habe, auch wenn ich nur knappe 2 Wochen weg war.

Hierzu habe ich mir auch überlegt, dass ich meine Familie interviewe und somit euch die Möglichkeit biete, dass ihr eine andere Perspektive bekommt.


INTERVIEW

S: Hallo, Sophie: Wie hat es dir gefallen und welche Erlebnisse werden dir in Erinnerung bleiben?

Hallo Lukas, mir hat alles super gefallen. Ich werde die zwei Tage bei Kalipay nie vergessen. Aber am besten hat es mir gefallen, als wir zu den Krabbelkindern und Babys durften. Es war irgendwie traurig aber auch so schön, als wir die Kleinen in ihren Bettchen sahen und wie sie darauf gewartet haben, dass wir sie rausnehmen.

A: Alex, du warst in deiner Jugendzeit eine Zeit lang in Sri Lanka. Welche Erinnerungen wurden wieder erweckt und welche Verhaltensweisen kamen dir bekannt vor?

Auf der Straße war es die Armut welche uns sehr oft auch auf den Philippinen begegnet ist, verbunden mit dem bitteren Gefühl nicht allen helfen zu können. Aber auch wie einfach es ist mit schon ganz kleinen Gesten ein Lächeln bei den Kindern hervorrufen zu können.

M: Papa, wie ist dein Eindruck von Kalipay? Was würdest du ändern und wie würdest du das tun?

Nach Deinen Schilderungen im Blog war ich natürlich sehr gespannt darauf, wie alles vor Ort aussieht und auf uns wirkt. Unsere Erwartungen waren übertroffen , es war alles sehr herzlich und wir waren sehr schnell in der großen Familie aufgenommen. Sehr positiv nahm ich auch das sehr strukturierte Umfeld wahr, in welchem die Kinder in Heim und Schule hier leben. Sicherlich ein sehr großer Halt , nach allem , was in ihrem kurzen Leben alles schon passiert ist.

Das Thema Verbesserungen ist nicht ganz einfach , den älteren Jugendlichen würde ich etwas mehr Rückzugsräume wünschen, was aber in dieser Größe nicht leicht möglich sein wird. Auch bei der Gestaltung der Räume und der Freiflächen gibt es schon noch Möglichkeiten , aber da kann auch viel mit wenig Geld und Eigeninitiative verändert werden . Aber ich habe ja gehört , dass z.B. ein Volleyball – Platz schon in Planung ist ..

S: Sophie, auch wenn ihr nur kurze Zeit im Recovered Treasures wart, welche Erfahrung durftest du mit den gleichaltrigen Mädels machen? Wie sind sie mit dir umgegangen?

Die Mädchen waren super nett zu mir und fast gar nicht schüchtern. Sie haben mich umringt und mir ganz viele Fragen gestellt wie mein Leben ist. Ich wäre so gerne noch länger geblieben.

A: Wie ist dein Eindruck von meinem Verhältnis zu Kalipay und zu den Kindern?

Absolut toll. Man spürt sofort wie verbunden du zu Kalipay und den Kindern bist. Es war so schön zu sehen, wie die Kinder ( nach nur ein paar Tagen ohne dich ) auf dich zugestürmt sind, dich angestrahlt und umarmt haben. Du gibst jedem einzelnen Kind Aufmerksamkeit und gibst ihnen die Zeit, welche die Erzieher oft nicht aufbringen können.

M: Wie würdest du den typischen Filipino beschreiben? Welche Charaktereigenschaften sind dir vermehrt aufgefallen?

Wir hatten in diesen 2 Wochen sehr viele herzliche Begegnungen , auch in dem kleinen Dorf , wo wir wohnten, erfuhren neben einigen neugierigen Blicken auch viel Hilfsbereitschaft , wenn wir z.B. mal etwas suchen mussten . Trotz der vielerorts anzutreffenden Armut hatten wir trotzdem das Gefühl, dass die Menschen zufrieden mit ihrem Leben scheinen.

Einerseits gut , aber andererseits empfanden wir es auch als gewisse Lethargie, an den Lebensumständen zu arbeiten. Da wird mit einem Projekt wie Kalipay ein tolles Zeichen gesetzt, und aufgezeigt, dass Vieles möglich ist , wenn man es will und gemeinsam richtig anpackt ..

S: Könntest du dir vorstellen später auch im Ausland in einem Kinderheim zu arbeiten? Wenn ja, warum?

Das möchte ich unbedingt machen. Es ist so toll, dass man helfen kann und so viel Spaß dabei hat.

Am liebsten möchte ich dann bei den ganz Kleinen arbeiten. Das ist für mich jetzt der Ansporn ein gutes Abitur zu machen, weil man das ja dann braucht.

M: Wie findest du den Umgang des Personals gegenüber den Kindern?

Es werden den Kindern viele Regeln gesetzt , was zu einem strukturierten Umfeld führt. Die Art und Weise wirkt für uns eher streng und autoritär, aber nicht so , dass die Kinder und Jugendlichen eingeschüchtert wirken.

A: Was schießt dir spontan durch den Kopf, wenn du an Kalipay denkst?

Da denke ich an eine kleine Oase, abseits der Stadt – an einen Ort an dem Kinder aufgefangen werden und behütet sind, auch wenn sie nicht bei ihren Familien sein können.

S: Könntest du dir vorstellen bei Kalipay zu leben und deine Kindheit zu verbringen?

Hm…also, wenn meine Eltern zu arm wären um sich um mich zu kümmern, könnte ich mir das schon vorstellen. Aber in der eigenen Familie zu leben ist natürlich schon viel besser.


Desweiteren beginnt gerade für zwei der College Studenten von Kalipay eine heiße Phase. Sie bewerben sich für einen einjährigen Aufenthalt in Deutschland. Dort werden sie, sofern sie genommen werden, ein FSJ machen. Sie haben also die Möglichkeit die Philippinen zu verlassen, um in einer sozialen Einrichtung für ein Jahr zu arbeiten. Für sie eine riesige Chance, denn es gibt nur wenige Filipinos/Filipinas, die über die Landesgrenzen hinauskommen. Und wenn sie von sich behaupten können, dass sie für ein Jahr in Deutschland gelebt haben, haben sie bei der Berufsfindung sehr gute Karten.

Doch leider haben sie bisher in ihrem Leben noch nie eine richtige Bewerbung, ein Motivationsschreiben oder einen Lebenslauf geschrieben. Was bedeutet, dass wir ihnen gerade kräftig unter die Arme greifen müssen, damit sie diese Chance ergreifen können. Ich hoffe, dass das Alles klappt und ich wir eventuell in das selbe Flugzeug steigen um nach Deutschland zu fliegen.

Und natürlich tut mir es leid, dass ich so lange keinen Bericht geschrieben habe. In nächster Zeit werde ich hoffentlich öfter schreiben können. Es gibt genug worüber ich erzählen könnte, aber irgendwie mangelt es mir gerade an Zeit.

Vielen dank für eure Geduld und fürs Lesen!!

Hier noch ein paar Bilder:

Und noch ein kleines Musikvideo von Kalipay : ‚You are the Reason – Kalipay Negrense Foundation‘ (eventuell muss man sich bei Facebook anmelden)

Viele liebe Grüße, euer Luki

Und natürlich ne g’segnete Fasnet

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Allgemein veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s